Transparenz pur

Mathias Schreiber über den SPIEGEL-Neubau

Süd-Ost-Ansicht des geplanten SPIEGEL-Neubaus*

Der Architekt und Bauhaus-Gründer Walter Gropius (1883 bis 1969) hat Kollegen und Studierende aufgefordert: "Macht die Fenster größer!" – lichte, luftig und großzügig wirkende Räume symbolisierten für ihn, unmittelbar nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs, den Aufbruch in eine neue Zeit; er sollte sichtbar werden in einer neuen Moral der Einfachheit und Klarheit, in einer auch ökonomisch maßvollen, funktionalen Direktheit des Ausdrucks. Diese Bauhaus-Überzeugung zielte auch auf den endgültigen Abschied vom Historismus und seiner Monumenten-Gläubigkeit und sah sich insofern in der Traditionslinie der Aufklärung; deren englischer Titel "enlightment" ("Erleuchtung") verknüpft deutlicher als der deutsche Begriff das Bekenntnis zur wissenschaftlichen Ratio mit der alten Licht-Metapher. "Light" heißt "Licht", als Adjektiv aber auch "leicht", ein Doppelsinn, den Gropius, der später in Harvard lehrte, nur begrüßen konnte: Seine glas- und lichttrunkenen Entwürfe suchten ja auch den Eindruck schwebender Leichtigkeit, im Kontrast zur steinernen Schwere des historischen Erbes.

Die Bürohäuser des SPIEGEL, das bisherige an der Brandstwiete wie das neue im Osten der HafenCity, folgen dem Gropius-Motto fast aufs Wort, wobei der neue, spitznasige Glas-Palast mit dem spektakulären Schaufenster in der stadtwärts blickenden Fassade die Transparenz des alten Redaktionsgebäudes in einer Weise steigert, die – mindestens abends, wenn die künstlichen Lichter sich im Wasser spiegeln – letzten Endes märchenhaft und auf postmoderne Art doch wieder monumental wirken dürfte; was in dieser Übersteigerung dann wohl die Überwindung des Gropius-Diktats mit dessen eigenen Mitteln wäre.

Anders als der Architekt des SPIEGEL-Hochhauses an der Brandstwiete, der Hamburger Werner Kallmorgen (1902 bis 1979), der den großflächigen Fensterbändern immerhin noch hüfthohe massive Sockel für die Klimatechnik unterschob, entschied sich Entwurfsarchitekt Ulrik Raysse vom Kopenhagener Architektenbüro Henning Larsen beim Neubau in der HafenCity für bodentiefe Fenster, machte also den gläsernen Lichtspender deutlich größer als selbst Kallmorgen es gewagt hat. Transparenz pur, heißt das wohl.

Auf eine Klimaanlage und Heizkörper wurde komplett verzichtet. Für das angenehme Raumklima sorgen eine natürlich hinterlüftete Doppelfassade (mit integriertem Sonnenschutz), ein Heiz- und Kühlsegel an der Decke jedes Büros sowie eine von der Geothermie-Anlage versorgte "Betonteile-Aktivierung" (so der technische Ausdruck) im Bodenbereich jedes Geschosses. Der markante 40-Zentimeter-Abstand zwischen der äußeren Prallscheibe und dem eigentlichen Dreifachglasfenster wirkt wie ein (nicht vorhandener) Sockel, er verhindert auch, dass dem in höheren Stockwerken arbeitenden SPIEGEL-Mitarbeiter beim Herantreten an seine Glaswand schwindelig wird.

Das ist schon bemerkenswert: 13 Hochhausgeschosse mit insgesamt gut 30 000 Quadratmetern umbauter Brutto-Geschossfläche werden fast unmerklich geheizt und gekühlt, umweltschonender geht es zurzeit kaum. Kein Wunder, dass diese behutsame, hoffentlich auch im Grenzfall brütender Sommerhitze funktionierende Art der Hochhausklimatisierung, die sogar noch das individuelle Öffnen der Bürofenster erlaubt, schon jetzt mit dem begehrten "Umweltzeichen Gold" anerkannt wurde, einer von der HafenCity-Planung vergebenen Plakette für grünes Bauen. Zwei Jahre nach der Inbetriebnahme des Gebäudes, die 2011 stattfinden soll, wird überprüft, ob die grüne Gebäudetechnik wie geplant funktioniert – erst danach darf das SPIEGEL-Haus die Auszeichnung behalten.

Wie die Fensterwand in jedem Büro, so huldigt, im Inneren des Gebäudes, auch das alle Stockwerke durchschießende, glasüberdachte Atrium dem Licht und dem Fluidum der transparenten Leichtigkeit. Eine gewaltige Schlucht aus Licht und Luft, die sozusagen spielerisch eine Pufferzone zwischen den eigentlichen Arbeitsgassen bildet, die zum Verweilen und kurzen Gespräch (mit Blick zum Himmel!) einlädt, aber auch dem, der mal nicht den Lift nehmen möchte, über diverse Brücken, offene Gänge und Treppen entspanntes Gehen von Stockwerk zu Stockwerk gestattet. Über dieses schöne Atrium ist das neue Haus lustvoll begehbar, ein Riesenfortschritt gegenüber den engen Fluchttreppen im alten Haus.

Die wunderbare Großzügigkeit der Terrassen, Treppen und Plätze, von denen die beiden Bürokomplexe – das SPIEGEL-Haus und das kleinere, anderweitig vermietete Ericus-Kontor – eingefasst und gewissermaßen gefeiert werden, wird durch dieses Atrium (und einige zweigeschossige Sonderräume) nach innen geholt und hier vertikal weiterentwickelt – ein brillanter Einfall. Farbig geprägt wird das Innere hier und auch sonst vom Weiß der (überwiegend verschiebbaren) Innenwände, vom Hellbraun des naturbelassenen Eichenholzes und vom Dunkelgrau der Teppichböden. Das alles dürfte hanseatisch zurückhaltend wirken, mit einem Schuss skandinavischer Freundlichkeit und Nonchalance. Die popbunte Explosion der Farben, die Verner Pantons Kantine und Snackbar im alten Gebäude so herrlich frech inszenierte, findet hier nur noch im fünften Obergeschoss statt: Dorthin wird Pantons Snackbar transplantiert – immerhin.

Dass die spitzwinkligen Enden der beiden an sich rechteckigen Glasblöcke das schmal auslaufende Grundstück fühlbar machen und zugleich hinübergrüßen zum spitzen Bug des berühmten Chilehauses von Fritz Höger, wird dem Betrachter deutlich, ohne dass es sich ihm aufdrängt. Die Ziegelsteinpassagen der beiden Sockelgeschosse tragen den Glaspalast darüber sozusagen auf Händen und kontrastieren reizvoll zu dessen Schwebe-Ästhetik. Und wiederum recht beiläufig geben diese Passagen dem Genius Loci, was ihm zusteht: norddeutsche Ziegelstein-Atmosphäre.

Der neue SPIEGEL-Bau (mit Ericus-Kontor) wird im äußersten Osten der HafenCity städtebaulich ein selbstbewusstes, markantes, aber nirgends triumphierendes Zeichen setzen, das sich von den vielen Kasten-Reihen derselben City angenehm unterscheidet; und das dem Architekturstar im Westen der HafenCity, der Elbphilharmonie der Schweizer Herzog und De Meuron, antwortet und sogar ein wenig Paroli bietet.

Für die Hamburger Weltoffenheit ist es im Übrigen kein geringzuschätzender Beleg, dass beide Großprojekte, Elbphilharmonie wie SPIEGEL-Neubau, von ausländischen Architekten geplant werden. Die beiden deutschen Büros, die beim Wettbewerb 2007 unter den letzten drei waren, sind Jan Störmer aus Hamburg und KSP Engel und Zimmermann aus Frankfurt am Main – ihre Entwürfe waren anders, aber durchaus konkurrenzfähig. Das Kopenhagener Büro kam also nicht deshalb zum Zug, weil die deutschen Mitbewerber deutlich schlechter waren.

Dass Dänen die neue SPIEGEL-Hülle bauen, hat einen hübschen historischen Bezug: Als – vor und nach 1800 – die schönsten Hamburger Villen entstanden, in Altona und den Elbvororten, gehörte die Hansestadt zum Teil noch zum dänischen Königreich. Der unbestrittene Architekturstar jener Hamburger Jahre, der lange in Altona residierte, hieß Christian Frederik Hansen (1756 bis 1845), ein dänischer Klassizist. Möglich, dass vom Hamburger Wirken des Büros Henning Larsen (das auch die Oper in Kopenhagen gebaut hat) eines Tages ähnliche Impulse ausgehen wie sie einst von diesem "dänischen Schinkel" ausgegangen sind. Zu wünschen wäre es.

Mathias Schreiber


* © WES & Partner Landschaftsarchitekten Schatz • Betz • Kaschke • Wehberg-Krafft;
kooperierendes Architektenbüro: Henning Larsen Architects; Visualisierung: Felix Holzapfel-Herziger