DER SPIEGEL

Britischer Zeitungszar greift nach Berliner Verlag

Der Ex-Chef der britischen Mirror Group, David Montgomery, will nach
Informationen von SPIEGEL ONLINE zusammen mit dem Finanzinvestor 3i den
Berliner Verlag übernehmen, in dem die „Berliner Zeitung“ erscheint.

– Die Redaktionskonferenz der „Berliner Zeitung“ war
heute deutlich besser besetzt als gewöhnlich. Die Nachricht, dass der
Stuttgarter Medienkonzern Holtzbrinck („Tagesspiegel“, „Handelsblatt“, „Zeit“)
mit dem britischen Beteiligungsunternehmen 3i über den Verkauf des Berliner
Verlags verhandelt (SPIEGEL 41/2005), hat die Mitarbeiter aufgeschreckt.
Chefredakteur Uwe Vorkötter hatte am Morgen denn auch weitere brisante
Neuigkeiten zu verkünden: Das Private-Equity-Haus 3i ist nicht allein, sondern
Teil eines Konsortiums, in dem eine weitere Beteiligungsgesellschaft namens
Mecom eine wichtige Rolle spielt – eine Heuschrecke kommt selten allein.

Hinter Mecom, an dem 3i bis vor kurzem einen Anteil von 25 Prozent hielt,
verbirgt sich mit David Montgomery ein Mann, dem im britischen Journalismus ein
Ruf wie Donnerhall vorauseilt. Nach dem plötzlichen Tod des Medienmoguls Robert
Maxwell hatte Montgomery 1992 die Leitung von dessen Zeitungsimperium Mirror
Group („Daily Mirror“, „The Independent“) übernommen, das er bis 1999 führte.
Montgomery setzte ein rigides Kostenregiment mit Stellenstreichungen und
Budgetkürzungen durch, das ihn nach Meinung des „Observer“ für den Titel
„bestgehasster Manager im britischen Journalismus“ qualifizierte.

Beim Berliner Verlag wird man sich schon morgen ein persönliches Bild von dem
Manager machen können: David Montgomery hat seinen Besuch bei Geschäftsführung
und Chefredaktion ankündigen lassen. Am Freitag wurde für 11 Uhr vormittags
beim Berliner Verlag – zu ihm gehören auch der „Berliner Kurier“ und „Tip“ –
eine Betriebsversammlung angesetzt.

Der unbekannte Dritte

Die Übernahme des Berliner Verlags wäre nicht Montgomerys erste gemeinsame
Medien-Akquisition mit 3i: Auch beim Erwerb der irischen Local Press Group 2003
traten die Partner bereits gemeinsam auf. Erst kürzlich trennten sie sich
wieder von dieser Beteiligung – mit ansehnlichem Gewinn. Montgomery verdiente
mit seinem Fünf-Prozent-Anteil dem britischen „Guardian“ zufolge allein eine
Million Pfund an der Transaktion, rund 1,5 Millionen Euro.

Wie aus dem Holtzbrinck-Umfeld verlautet, gibt es derzeit exklusive
Verhandlungen mit dem Konsortium, bei dem noch ein dritter Partner eine Rolle
spielen soll. Innerhalb der nächsten 14 Tage müssen die Interessenten danach
ein bindendes Angebot für den Verlag abgeben, der im vorigen Jahr neun
Millionen Euro verdiente. Die Rede ist von einem erwarteten Kaufpreis zwischen
150 und 160 Millionen Euro.

Offenbar verhandelt Holtzbrinck parallel auch weiter über einen Verkauf des
„Tagesspiegel“ und holt auch für sein zweites, defizitäres Hauptstadtblatt
weiter Angebote ein. Bislang wurden hierüber unter anderem Gespräche mit dem
Süddeutschen Verlag („Süddeutsche Zeitung“) und dem SPIEGEL Verlag geführt, in
dem SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE erscheinen.

Betriebsräte: „Viel zu befürchten“

Unternehmensnahen Kreisen zufolge hat Holtzbrinck-Manager Michael Grabner den
Auftrag, dem Aufsichtsrat des Medienkonzerns Offerten für beide Blätter
vorzulegen. Es soll aber nur einer der beiden Hauptstadt-Titel verkauft werden.
„Das wird eine Entscheidung entweder oder“, so ein Insider.

Ursprünglich hatte Holtzbrinck mit dem Kauf des Berliner Verlags sein
Hauptstadt-Aktivitäten ausbauen und vor allem profitabel machen wollen. Das
Vorhaben war indes am Einspruch des Kartellamts gescheitert.

Der Text ist unter www.spiegel.de abrufbar.

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