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DIHK-Präsident Braun wirft Eon bei Ruhrgas-Übernahme "höchst zweifelhaftes Verhalten" vor / Wirtschaft brauche Neuorientierung: "Shareholder Value ist diskreditiert" / Familienunternehmen als

mm-Interview mit DIHK-Präsident Ludwig Georg Braun

Ludwig Georg Braun, der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammer-tages (DIHK), hat sich gegen die Übernahme von Ruhrgas durch den Energiekonzern Eon ausgesprochen. "Wenn Eon alle Hebel in Bewegung setzt, um die Minister-Erlaubnis für die Ruhrgas-Übernahme zu erhalten und sich damit eine dominante Position zu verschaffen, ist das in meinen Augen ein höchst zweifelhaftes Verhalten", sagte Braun in einem Interview mit dem manager magazin (Erscheinungstermin: 23. August 2002).

Das Bundeswirtschaftsministerium hatte die Übernahme genehmigt, nachdem sie vom Kartellamt untersagt worden war. Anschließend hatte ein Gericht Verfahrensfehler festgestellt. Nun will der zuständige Staatssekretär Tacke bis zur Bundestagswahl eine neue Ministererlaubnis aussprechen. Braun hingegen plädiert dafür, "das Instrument der Minister-Erlaubnis ersatzlos zu streichen. Das Kartellamt sollte entscheiden, nicht die Politik."

Der DIHK-Chef macht die Manager großer Konzerne für die derzeitige Wirtschaftskrise mitverantwortlich. Seiner Ansicht nach braucht die Wirtschaft eine Neuorientierung: "Die Krise zeigt, dass der traditionelle deutsche Mittelstand ein gutes Modell für die Zukunft ist. Die reine Shareholder-Value-Orientierung amerikanischer Prägung ist jedenfalls diskreditiert." Durch eine einseitige "Fixierung auf ewig steigende Aktienkurse" hätten Manager die Fakten aus dem Blickfeld verloren.

Als Gegenmodell sieht Braun Familienunternehmen, wie sie nach wie vor den deutschen Mittelstand prägen. "Offensichtlich sind Privatunternehmen bodenständiger", sagte Braun, der selbst eine Familienfirma (B. Braun Melsungen AG) führt. Auch werde das Management effektiver kontrolliert als in großen Kapitalgesellschaften. "Die Familie ist viel kritischer mit dem Vorstand als Analysten oder Fondsmanager von außen. Die Familie verfolgt ein langfristiges Interesse, sie will das Unternehmen für weitere Generationen erhalten. Wie hoch sind die Risiken? Diese Frage hat in Familienunternehmen einen hohen Stellenwert."

Um künftigen Entgleisungen von Managern vorzubeugen, schlägt Braun vor, "Ethik-räte" einzurichten. Nach seinen Vorstellungen soll es sich hierbei um Ausschüsse der Aufsichtsräte handeln, die die Vorstandsmitglieder kontrollieren. "Fast jedes Unternehmen hat ethische Leitlinien", sagte Braun. "Die muss ich als Manager täglich praktizieren." Der Ethikrat solle "Manager gelegentlich an ethische Grundsätze erinnern".

Ein solches Gremium sei unter anderem deshalb nötig, weil die Finanzmärkte offensichtlich keine effektive Kontrolle der Unternehmensleitungen leisteten. Die Manager der großen Investmentfonds "wollen schnelle Kursgewinne, nicht unbedingt dauerhaft stabile Unternehmen. Wenn sich drei, vier Fondsmanager einig sind, ein Papier in die Höhe zu jubeln oder eben Fehlentwicklungen nicht zu ahnden, dann können sie das tun. Von einer wirksamen Kontrolle kann keine Rede sein."

Braun fordert in diesem Zusammenhang die Wettbewerbsbehörden auf, die Machtfülle der Fonds zu begrenzen: "EU-Kommissar Mario Monti und seine US-Kollegen sollten mal überprüfen, ob die Finanzmacht der großen Fonds mit unserer Wettbewerbsordnung in Einklang steht. Wie wird diese Macht ausgeübt? Das ist eine wichtige Frage."

Autor: Henrik Müller
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