DER SPIEGEL

Euro-Hoch: Nobelpreisträger Mundell nennt Währungssystem verkommen

„Gerüchte und einige große Player können Kurse bewegen“ / Wirtschaftsforscher kritisierte Zurückhaltung der EZB

Hamburg, 30. November - Der Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Mundell hält die jüngsten Kursgewinne des Euro für irrational und willkürlich. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE sagte er: „Es glaubt doch niemand daran, dass die europäische Volkswirtschaft stark ist.“ Folglich gebe es „keinen guten Grund, warum der Euro nicht nur gegenüber dem Dollar, sondern auch zum Yen, dem chinesischen Yuan und dem koreanischen Won steigen sollte. Das alles trägt irrationale Züge.“ Händler an den Devisenmärkten hätten „übertrieben“. Der Anstieg zeige, „wie verkommen unser Wechselkurssystem ist. Gerüchte und einige große Player können die Kurse hin und zurück bewegen“.

Mit seinen kritischen Kommentaren reagiert der Nobelpreisträger, der als einer der intellektuellen Väter des Euro gilt, auf die starken Kursgewinne der europäischen Währung. Erst am Freitag hatte der Euro ein neues Rekordhoch bei 1,3329 Dollar erreicht, am Dienstag notierte er weiter klar über 1,32 Dollar. Mundell sagte zu SPIEGEL ONLINE: „Ein Euro-Kurs von 1,20 Dollar oder weniger wäre viel besser.“

Er warnte, wegen der Dollar-Schwäche könne es in der Euro-Zone „zu deflationärem Druck auf die Preise bestimmter Güter“ kommen. Zudem könne „sich der Zustand der Banken verschlechtern, bis hin zu möglichen Konkursen“, so Mundell. „Bisher sehen wir davon nichts - aber so etwas passiert typischerweise, wenn eine Währung erstarkt. Firmen geraten in Schwierigkeiten, und das schadet den Banken.“

Der Ökonom, der an der Columbia University in New York lehrt, riet der Europäischen Zentralbank vor diesem Hintergrund zu einer Intervention auf dem Devisenmarkt. Sie solle zunächst einen Euro-Kurs von 1,30 Dollar als Höchstgrenze festlegen und ihre Währungsreserven nutzen, um Dollar zu kaufen. „Jetzt wäre für die EZB ein günstiger Zeitpunkt, um Dollar-Bestände aufzubauen.“ Auch müsse sie bereit sein, eine Zinssenkung zu prüfen, um den Dollar zu stärken. Die Inflationsgefahr in Europa sei „nicht ernst genug“, um das derzeitige Zinsniveau zu rechtfertigen. Mundell zweifelt allerdings daran, dass ein solcher Eingriff zustande kommt. Er kritisierte: „Der EZB fehlt das Selbstvertrauen, um ein Wechselkursziel festzulegen.“

Das vollständige Interview ist unter www.spiegel.de abrufbar.

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