DER SPIEGEL

Grimme-Chef Gäbler: Tabubruch im TV ist ein Auslaufmodell

Trash-Fernsehen hat sich wegen Digitalisierung bald überlebt / Dschungelshow ist „Pyrrhussieg“ für RTL / ARD und ZDF leiden unter föderaler Struktur und Zielgruppen-Unsicherheit

Hamburg, 17. März 2004 – Bernd Gäbler, Chef des renommierten Grimme-Instituts, erwartet ein baldiges Ende des Trash-Fernsehens. „Es gibt zurzeit einen Extremismus des Angeschrien-Werdens und ein Gieren nach Quantität. Das aber halte ich für ein Auslaufmodell aus einer früheren Fernsehzeit, das sich mit dem digitalen Fernsehen und seinen unzähligen Möglichkeiten überleben wird“, sagte er im Interview mit SPIEGEL ONLINE. „In der ersten ‚Big Brother’-Staffel reichte es für eine gute Quote noch, unter der Decke zu kuscheln, heute können sie das Grundkonzept radikalisieren, wie sie wollen, und es interessiert trotzdem niemanden mehr.“

Schlimmer als den Tabubruch empfinde er die im Fernsehen üblich gewordenen Umgangsformen: „Häme, Beleidigung, Missbrauch scheinen alltäglich zu werden.“ Der Erfolg der Dschungelshow „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“, sei „ein Pyrrhussieg“ für RTL. Vom Weg zu einem familienorientierten Vollprogramm sei man „doch wieder ein ganzes Stück abgekommen“.

Gegenüber SPIEGEL ONLINE plädiert Gäbler auch für einen Strukturwandel bei ARD und ZDF. Den öffentlich-rechtlichen Sendern wirft er vor allem vor, zu sehr nach den Marktanteilen zu schielen und „ordentliche Programme“ wie Dokumentationen immer mehr an den Rand zu drängen. Das „A und O für ARD und ZDF“ bleibe es, so Gäbler, „verlässliches, sicheres, kompetentes Informationsfernsehen zu machen. Ich bin aber der Auffassung, dass es der gesamten Fernsehlandschaft gut tut, wenn es einen Wettbewerb in allen Sparten gibt, also auch bei der Unterhaltung“.

Die mangelnde Kreativität der Öffentlich-Rechtlichen, den Erfolgsformaten der Privaten etwas Eigenständiges entgegenzusetzen, sieht Gäbler vor allem in der föderalen Struktur der Sender begründet. Auch die „Zielgruppen-Unsicherheit bei ARD und ZDF“ sei ein Problem: „Man möchte einen Querschnitt der Bevölkerung bedienen, traut sich aber nicht, bestimmte Zielgruppen zu verprellen, und hat so zum Beispiel eine bestimmte Art von Comedy, zum Beispiel die Ethno-Variante mit Kaya Yanar, schlicht verpasst.“

Trotzdem könne es laut Gäbler in Zukunft nicht darum gehen, „dass ARD und ZDF darum buhlen, wer Endemol und Co. die höheren Preise bezahlen darf. Es geht darum, Talente zu entwickeln oder viel versprechende Newcomer zu fördern, weniger darum, fertige Stars einzukaufen“.

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