DER SPIEGEL

Neue Studie zu Weichmachern in Lebensmittelverpackungen alarmiert Behörden

Schon kleinste Mengen Bisphenol A können die Entwicklung des Gehirns bei
Kindern beeinträchtigen

– Ein Weichmacher in Lebensmittelverpackungen steht
seit Jahren im Verdacht, die Gesundheit von Verbrauchern zu gefährden. Jetzt
stellt sich heraus, dass schon winzige Mengen der Substanz namens Bisphenol A
die Entwicklung des Gehirns bei Kindern und Ungeborenen beeinträchtigen
könnten. Das berichtet SPIEGEL ONLINE unter Berufung auf eine Studie aus den
USA. Experten verdächtigen den chemischen Weichmacher Bisphenol A (BPA) schon
lange, Krebs auszulösen sowie das Erbgut und die Fortpflanzungsfähigkeit zu
schädigen. Ergebnisse einer Studie im Fachblatt „Endocrinology“ rücken die weit
verbreitete Substanz jetzt weiter ins Zwielicht – und könnten massive
Auswirkungen auf den europäischen Verbraucherschutz haben.

Ein Forscherteam um Scott Belcher von der University of Cincinnati konnte jetzt
erstmals im Tierversuch zeigen, dass BPA vor allem in kleinsten Dosierungen die
Hirnentwicklung beeinflusst. Offensichtlich blockiert die über die Nahrung
aufgenommene Chemikalie die Aktivität des körpereigenen Hormons Östrogen, das
für die Entwicklung bestimmter Hirnregionen unerlässlich ist. Belcher hatte
Ratten eine BPA-Lösung in eine bestimmte Gehirnregion gespritzt, die bislang
als unempfindlich gegenüber der Chemikalie galt. Binnen Minuten entfaltete der
Weichmacher eine verheerende Wirkung: Er stoppte den Signalweg von Östrogen und
damit die natürliche Entwicklung der Gehinrzellen.

BPA scheint insbesondere in jenen winzigen Mengen extrem zu wirken, denen der
Mensch im Alltag ausgesetzt ist, heißt es in der Untersuchung. Je niedriger die
Konzentration der Substanz, desto größer war in den Versuchen der US-Forscher
die schädigende Wirkung auf das Hirngewebe. Belcher zufolge setzt die
Gefährdung des Menschen bereits vor der Geburt ein, weil BPA die
Embryonalentwicklung des Gehirns stört. Der Professor für Pharmakologie und
Zell-Biophysik hält es für „sehr wahrscheinlich“, dass es die bei den Ratten
beobachtete Wirkung auch beim Menschen gibt. „BPA hatte bisher bei jeder Art
von Tieren – seien es Säugetiere, Fische oder Amphibien – ähnlich schädliche
Effekte“, so Belcher.

PlasticsEurope, der Verband der Kunststofferzeuger in Deutschland, hält die
Untersuchung für wenig aussagekräftig. In einer internen Bewertung, die SPIEGEL
ONLINE vorliegt, heißt es über Belchers Arbeit: „Aus der Studie liegen keine
Hinweise vor, dass die Beobachtungen beim Menschen zu nachteiligen Folgen
führen.“ Das Berliner Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) nimmt die
Untersuchung dagegen ernst. Das Ergebnis von Belchers Studie könnte sich als
„kleine Sensation in der BPA-Diskussion erweisen“, sagte BfR-Sprecher Jürgen
Kundke zu SPIEGEL ONLINE. Die von Belcher nachgewiesene toxische Menge sei
„eine vollkommen neue Dimension“.

Der vollständige Text ist unter www.spiegel.de abrufbar.

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Markus Becker, Telefon: 040/38080-269, E-Mail: markus_becker@spiegel.de

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