DER SPIEGEL

SPIEGEL ONLINE exklusiv: Offener Brief in Sachen Filbinger von Rolf Hochhuth an Horst Köhler

„Nichtswürdige Auffassung vom höchsten Staatsamt“

Der Dramatiker Rolf Hochhuth ist entsetzt darüber, dass die CDU den ehemaligen Marinerichter Hans Filbinger zum Wahlmann berufen hat, der am Sonntag Horst Köhler zum Bundespräsidenten wählen soll. SPIEGEL ONLINE dokumentiert exklusiv und vollständig den Brief von Hochhuth an Köhler:

Sehr geehrter Herr Professor Doktor Köhler,

die Würdelosigkeit liegt nicht bei Filbinger, der sich ja „niemals vorgestellt hat, was er eigentlich angestellt hat“ (Hannah Arendt über Adolf Eichmann), sondern der neue Präsident begibt sich auf Filbingers Niveau, wenn er sich von einem ruchlosen Soldatenmörder ins Amt einführen läßt, obgleich er weiß: Filbinger hat noch in britischer Kriegsgefangenschaft den Matrosen Gröger ermordet, indem er sich von den Briten die Gewehre ausgeliehen hat, um diesen Soldaten noch Wochen nach Hitlers Selbstmord zu erschießen, einen Soldaten, der viele Feindfahrten hinter sich hatte, während Filbinger nie einen anderen Schuß gehört hat als Schüsse der Pelotons, die auf den Ruf dieses Kriegsverbrechers: „Feuer!“ – deutsche Soldaten ermordet haben. Egon Bahr sagte über Filbinger: „Wie viele muß einer hingerichtet haben, um einen vergessen zu können?“

Dies alles weiß haargenau auch der neue Präsident. Was muß er für eine nichtswürdige Auffassung von unserem höchsten Staatsamt haben, dass er sich von dem Gangster Filbinger in dieses Amt einführen läßt. Hoffen wir, dass nicht wenige unserer Abgeordneten die Konsequenz aus dieser ekelhaften Brandmarkung des deutschen Volkes ziehen – und die Gegenkandidatin wählen.

Berlin, den 19. Mai 2004

Rolf Hochhuth

Der Text ist unter www.spiegel.de abrufbar.

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